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Mobbing im Ehrenamt

Interview mit Christiane Prieß-Heimann

 

Mobbing im Ehrenamt, das ist durchaus kein seltenes Phänomen. Worin liegen die Ursachen, wenn "Hauen und Stechen" das Klima in Vereinen und Verbänden vergiftet und einsatzbereite ehrenamtliche Mitarbeiter in die Flucht geschlagen werden? Wie lassen sich Mobbing-Szenarien verhindern und was ist zu tun, wenn es bereits erste Fälle im Verein, Verband oder in der Stiftung zu beklagen gibt?

 

Der bdvv nimmt sich dieser brisanten Thematik an. bdvv-Pressesprecherin Ursula Pidun im Gespräch mit Christiane Prieß-Heimann. Die selbständige Rechtsanwältin ist auch Mediatorin mit dem Schwerpunkt "Wirtschaft & Arbeit" und mediiert Vereine und Stiftungen sowie kleine und mittelständische Unternehmen. (Vita und Kontaktdaten am Ende des Interviews).

 

Frau Prieß-Heimann, es wird nicht gerne darüber gesprochen, aber in Vereinen, Verbänden und Stiftungen kommt es nicht selten zu Mobbing. "Hauen und Stechen" innerhalb ehrenamtlicher Tätigkeiten – worin liegen die Gründe hierfür?

 

Die Gründe für das "Hauen und Stechen", wie Sie es nennen, sind vielfältig. Hauptsächlich, nach meiner Erfahrung, spielen hier eine undurchsichtige Organisation, Kompetenzanhäufung bzw. –mangel bei einer Person sowie unzureichende Kommunikation eine große Rolle. Diese Ursachen können auf allen Ebenen liegen, sowohl beim Vorstand also auch bei den (ehrenamtlichen) Mitarbeitern. Daneben spielt manchmal auch Neid, dass jemand etwas besonders gut kann, Rache oder Antipathie eine Rolle.

 

Können Sie den Begriff "Mobbing" einmal juristisch genau deklarieren?

 

Mobbing ist ein schädigendes Verhalten, dass täglich mindestens einmal über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten stattfindet. Im Vereinswesen mit zum Teil unregelmäßigen Sitzungen oder Zusammenkünften kann der Begriff "Mobbing" daher nur untechnisch verstanden werden.

 

Ein solches Prozedere vermutet man eher in der bezahlten Arbeitswelt. Wenn Menschen sich kostenlos zur Bewältigung von Aufgaben zur Verfügung stellen und als Dank gemobbt werden – was bedeutet das letztlich für die Betroffenen?

 

Das bedeutet für die Betroffenen, dass ihre Arbeit weder anerkannt, noch gewürdigt wird und letztendlich kratzt dies – wie auch in der Arbeitswelt – ganz erheblich am Selbstwertgefühl. Zumal in der ehrenamtlichen Arbeit vielfach Menschen tätig sind, die sich durch diese Arbeit wieder ein Identitätsstandbein schaffen, wie z.B. Mütter, Menschen, die berufsunfähig aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sind, Langzeitarbeitslose, Rentner, die im letzten Lebensabschnitt etwas an die Gesellschaft zurückgeben wollen.

 

Sind sich die Mobber - also jene, die es nicht lassen können Mitarbeiter zu ärgern - über ihr Handeln und vor allem auch über die Konsequenzen ihres Handelns überhaupt im Klaren?

 

Überwiegend sind sich die "Mobber" ihres Handelns bewusst: Sie wissen oder merken zumindest, wie ihr Handeln wirkt. Wenn sie erst einmal ihren "Erfolg" sehen, machen sie weiter. Aber über die Konsequenzen sind sie sich häufig – zumindest anfangs  nicht bewusst. Dass sie das Selbstwertgefühl der Betroffenen schädigen, zu Schlafstörungen, Depressionen beitragen und das Vertrauen der Betroffenen in andere Menschen generell erschüttern, dass ist ihnen nicht bewusst. Sie gehen auch nicht selten davon aus, dass sich ihr Handeln ja "nur" auf den einen Menschen beschränkt. Es ist aber die ganze Gemeinschaft betroffen: Das Vereinssystem wird ebenso geschädigt wie die gesamte Volkswirtschaft, da wir alle letztendlich die Gesundheitskosten tragen. Dies haben die "Mobber" nicht im Blick.

 

Ehrenamtliche Mitarbeiter erhalten oft immense Aufgabenstellungen sozusagen von "oben" dargereicht. Manchmal sind derart komplexe Aufgaben ehrenamtlich gar nicht zu stemmen. Sind auch dies Gründe, warum sich einiges an Emotionen hochschaukeln kann?

 

Selbstverständlich! Das führt zu einer Überforderung oder Überlastung. Gepaart mit dem Gedanken, dass diese Arbeit quasi „kostenlos“ erbracht wird, kann dies zu einer äußerst explosiven Stimmung führen.

 

Was ließe sich dagegen tun?

 

Das ist einfach und schwer zu gleich: Sie müssen gute, klare Strukturen schaffen, bei denen ganz klar ist, wer für was, wann zuständig ist. Daneben ist eine gute Kommunikation nötig, wobei gut nicht gleichzusetzen ist mit viel: z.B. viele Emails. Gute Kommunikation setzt immer das Einbeziehen der Sachebene und der Gefühlsebene voraus. Die Sachebene kann scheinbar noch so gut gelöst sein. Wenn die Gefühlslage des Betroffenen nicht mit aufgenommen wurde, kann die Lösung komplett am Betroffenen "vorbeigehen" und der Konflikt "kocht" später wieder in anderer Form hoch. Die Einbeziehung der Gefühle des Betroffenen muss nicht lang erfolgen.

 

Häufig reicht einfaches Benennen, z.B.: "Ich habe gerade den Eindruck, dass Ihnen irgendetwas nicht passt. Was ist es?"

Sie sind als Mediatorin häufig mit Unstimmigkeiten innerhalb der ehrenamtlichen Personalstruktur befasst. Auf welche Probleme treffen Sie dabei am häufigsten? 

 

Häufig treffe ich auf unklare Vereinsstrukturen bzw. unklare Kompetenzen im Vorstand bzw. zwischen Vorstand und ehrenamtlichen Mitarbeitern. Dies führt zu Verschiebungen im System, dies heißt, dass Kompetenzen nicht dort wahrgenommen werden, wo sie hingehören. Dann reißt einer aus dem Verein diese Kompetenz quasi "an sich", um dieses Loch zu füllen, um einen Ausgleich herzustellen. Dieser Ausgleich misslingt aber, weil jemand, der nicht zuständig ist, eine Aufgabe einfach übernimmt. Das ist häufig der Anfang vom "Mobbing". Die Ursache des Problems liegt aber eine Ebene höher.

 

Es gibt Ehrenamtliche, die sich jahrelang in einem Verband oder Verein engagieren und plötzlich alles hinwerfen, weil sie gemobbt werden. Könnten Sie eine solche Situation noch retten und welchen Möglichkeiten der Stabilisierung gibt es? 

 

Eine solche Rettung ist dann möglich, wenn den Beteiligten eine solche Rettung noch sinnvoll erscheint und sie dies wollen. Ob dies im Einzelfall so ist, kläre ich in Vorabgesprächen. 

 

Stabilisierend kann schon die Tatsache wirken, dass jemand sich des Problems annimmt. Wenn das ein neutraler Dritter ist, ist dies meistens besser, da er Täter und Opfer einbeziehen kann, also nicht einseitig handelt oder kommuniziert. Wichtig ist hier die kurzfristige Intervention. Über einen langen Zeitraum geplante Treffen oder Termine wirken kontraproduktiv und können im schlimmsten Fall die Situation (wieder) verschärfen.

 

Mobbing findet in der Regel von oben nach unten statt, so gut wie niemals umgekehrt. Vereine und Verbände agieren oftmals noch sehr hierarchisch. Müsste hier auch einiges geschehen?

 

Zunächst muss man einfach feststellen, dass der Verein von Gesetzes wegen schon eine gewisse hierarchische Struktur hat. Es gibt die Mitgliederversammlung quasi als oberstes Organ des Vereins, aus deren Mitte die Vereinsmitglieder den Vorstand wählen. Der Vorstand führt über das Jahr die Geschäfte des Vereins und legt in der nächsten Mitgliederversammlung Rechenschaft ab. Dies heißt, im Regelfall üben die Mitglieder ihre Kontrolle einmal im Jahr aus. Das ist nicht oft. Der Vorstand informiert zwar über Vorhaben und Richtung des Vereins und die Mitglieder stimmen mehrheitlich ab, aber die "Geschäftsführung" wird wenig kontrolliert.

 

Außerdem ist die Ausübung der Mitgliederrechte kritisch zu betrachten. Häufig kommt so gerade eben die ausreichende Anzahl an Mitgliedern zur Versammlung, dass die Beschlussfähigkeit erreicht wird. Wir sehen es auch bei den Wahlen: Die Beteiligung an der Demokratie wird einfach nicht genutzt. Dies ist ein guter Boden für hierarchische Strukturen. Diese Strukturen können Sie also nur ändern, wenn das Bewusstsein der Menschen sich derart ändert, dass jeder seine Rechte wahrnimmt.

 

Moderne Arbeitsstrukturen mit Mitarbeitern auf Augenhöhe – warum ist genau das so schwer in Vereinen und Verbänden durchzusetzen?

 

Aus den zu Anfang genannten Gründen: Wir haben vielfach einen Vorstand der "kostenlos" arbeitet und wenig kontrolliert wird. Dies scheint nach meiner Erfahrung ein unbewusstes Gefühl von "Dann darf ich doch aber sagen, wo es lang geht" oder von Machtanspruch hervorzurufen. 

 

Außerdem haben wir es häufig mit ehrenamtlichen Mitarbeitern zu tun, die also monetär nichts kosten. Auch dies scheint nach meiner Erfahrung für das Gleichgewicht im Verein nicht gesund zu sein.

 

Dazu kommt, dass Vereine ja häufig nicht Vollzeit geleitet werden, sondern neben beispielsweise der eigentlichen Berufstätigkeit. Dies führt zwangsläufig dazu, dass es nicht immer professionell und strukturiert zugeht. Außerdem führt das dazu, dass sich niemand mit ethischen Grundsätzen der Personalführung auseinandersetzt, es sei denn man bringt es aus seinem eigenen persönlichen Hintergrund mit. Darüber hinaus fordern diese modernen Arbeitsstrukturen, die Sie ansprechen, vom Vorstand selbst ein hohes Maß an moralischem und sozialem Denken und Handeln.

 

Mobbing ist letztlich eine Form der Manipulation. Was können Betroffene selbst tun, um solchen Angriffen erfolgreich zu begegnen?

 

Der oder die Betroffene sollte dem Täter von Anfang an Einhalt gebieten. Ein klares "Stopp" erfordert zwar Mut, ist aber die einzige Möglichkeit einem Täter klar zu machen, dass man sein Verhalten nicht duldet. Es ist wichtig, das Gespräch sofort zu suchen. Sie werden vielleicht gemobbt, aber Sie sind nicht wehrlos! Bleiben Sie freundlich und selbstbewusst, da das den Täter häufig aus dem Konzept bringt.

 

Wenn unter den ehrenamtlichen Mitarbeitern gemobbt wird, sollte der Vorstand jede Beschwerde über "Mobbing" ernst nehmen. "Mobbing" heißt, dass es einen Konflikt gibt, der gelöst werden muss. Der Vorstand sollte nicht nur das Opfer im Blick haben, sondern genauso den oder die Täter, mit dem oder denen er sofort das Gespräch suchen sollte. Außerdem sollte sich der Betroffene Rückhalt außerhalb des Vereins holen, das heißt mit Freunden und Familie über das Thema immer wieder sprechen. Runterschlucken wäre das Falsche.

 

Und wenn der Vorstand mobbt, was kann der Betroffene dann tun?

 

Wenn ein Vorstand mobbt, kann sich der Betroffene an die übrigen Vorstände wenden, wenn er sie kennt und wenn er "Rückendeckung" erwarten kann. Wenn die Vorstände untereinander befreundet sind, sollte man sich lieber Hilfe von Dritten holen.

 

- Das Interview führte Ursula Pidun - 

 

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Mehr zu Christiane Prieß-Heimann:

 

Frau Prieß-Heimann studierte Rechtswissenschaften an den Universitäten Passau und Freiburg. Nach dem Referendariat im OLG-Bezirk Düsseldorf, kehrte sie nach Kiel zurück, um zunächst 3 Jahre lang in einer international operierenden Software-Firma u.a. das Vertragswesen zu betreuen.

 

Seit 2001 ist sie als selbständige Rechtsanwältin tätig. Noch 2001 ließ sie sich zur Mediatorin ausbilden mit dem Schwerpunkt „Wirtschaft & Arbeit“. Seitdem mediiert sie Vereine und Stiftungen sowie Klein- und Mittelständische Unternehmen. Weitere spezialisierte Fortbildungen zur Systemik und Implementierung von Konfliktmanagement-Systemen folgten. 2010 gründete sie mit anderen Mediatoren zusammen das Mediationskompetenznetz „MKonet“. Seit 2011 ist sie Mitglied im bdvv.

 

Kontakt:

Rechtsanwältin & Mediatorin

Christiane Prieß-Heimann

Eiderkamp 3

24583 Bordesholm

Tel.: 04322 – 75 14 04

www.mediation-kanzlei.de

 

Der bdvv vermittelt im Bedarfsfall gerne an Frau Prieß-Heimann oder auf Wunsch an Medaitoren in Ihrer Vereinsnähe.

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